Sonntag, 3. April 2011

Musik: Bon Bon

Ein verbreitetes Phänomen ist die Übersetzung oder Bearbeitung internationaler Hits, damit sie auch in Bolivien beziehungsweise Südamerika erfolgreich sein können. So werden zum Beispiel bei diversen Features die Rapparts auf spanisch eingespielt oder komplett ausgetauscht.
Der Sommerhit "We No Speak Americano" ist hier als "Pan-Panamericano" bekannt, was man auch durchaus als Textzeile raushören kann. Interessant ist auch, was der Rapper und Reggaetónkünstler Pitbul mit selbigen Lied angestellt hat. Unter dem Titel "Bon Bon" veröffentlichte er diesen Remix. Zwar handelt es sich nicht wirklich um ein musikalisches Bon-Bon, aber witzig und vorallem erfolgreich ist es allemal.

Donnerstag, 24. März 2011

Día del Mar

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Bolivianer mit ihren vielen Feiertagen einen durchgehenden Schulbetrieb erfolgreich zu verhindern wissen. Nachdem wegen Karneval schon vier Tage der Unterricht ausfiehl, wurde letzten Mittwoch ein historisches camireñisches Datum mit allen Schülern auf der Plaza zelebriert. Am Freitag schloss sich dann der "Día del Padre" (Vatertag) an, sodass wiederum der Unterricht ausfiel und statt dessen in der Schule ein Gottesdienst und andere Feierlichkeiten abgehalten wurden. Als dürfte man den Schülern nach diesen vielen freien Tagen keine volle Woche Unterricht zumuten, streikten diesen Montag und Dienstag dann erstmal alle Lehrer, weil ihre Lohnerhöhung nur 10 Prozent beträgt. Am gestrigen Mittwoch wurde schliesslich landesweit des Día del Mar (Tag des Meeres) mit Umzügen gedacht - natürlich war auch schulfrei.

Tag des Meeres: Die Schulen marschieren im militärischen Stil

Historisches
Bolivien mit Meerzugang (wikipedia)
Boliviens Stolz ist unter anderem auf der Vielfalt seiner Kulturen begründet. Weniger ruhmreich ist aber die Geschichte des Landes: Bolivien hat nämlich jeden einzelnen seiner Kriege verloren.
Im Salpeterkrieg gegen Chile verlor Bolivien vor, am 23. März, genau 132 Jahren das Departament Litoral und damit seinen Zugang zum Meer. Seit dem ist Bolivien ein Binnenstaat und trauert dem Verlust des Pazifikküstenstreifen hinterher. Wie teif der Schmerz sitzt und wie wichtig das Thema auch noch mehr als ein Jahrhundert später ist, sieht man zum Beispiel an der neuen Verfassung von Evo Morales, die erst vor gut einem Jahr in Kraft trat. Darin wird immer noch die Rückgabe des Küstenstreifens gefordert. Mit Chile unterhält man offiziel keine diplomatischen Beziehungen und eine Klage in Den Haag wurde natürlich auch schon eingereicht. Derweil trainiert die bolivianische Marine auf dem Titicaca-See, aber natürlich nur vorübergehend, denn den rechtmässigen Meerzugang wird man wiedererlangen. Letztes Jahr hat sich der Staat schonmal ein Stückchen Strand von den Perunaern gepachtet - ein Anfang.

Nachtrag: Gerade bin ich wieder aus der Schule zurückgekommen. Heute und morgen ist wieder kein Unterricht. Die Lehrer haben eine Fortbildung, von der auch die Sekräterin nicht genau weiss, was sie beinhaltet. Auf dem Rückweg bin ich dann einem Lehrer über den Weg gelaufen, der sich sichtlich über die Vacaciones freute. Auch typisch bolivianisch: Wenn Feiertage auf ein Wochenende fallen, werden sie am Montag nachgeholt.

Freitag, 18. März 2011

Ich bleibe Camireño!

Nachdem es letzte Woche noch "Chau Camiri" hiess, wurde gestern die Entscheidung getroffen, dass ich bis zum Ende des FSJ in Camiri bleiben kann.
Eigentlich sieht das Programm regelmässige Wechsel der Einsatzstellen vor. Ich selbst finde das aber keine gute Idee, weil es die Kontinuität und Nachhaltigkeit der Arbeit gefärdet. Deswegen bin ich jetzt schon die zweite Periode im schönen Camiri und werde auch bis zum Abschlussseminar hier arbeiten. Den letzten Ausschlag hat wohl die Rektorin meiner Schule gegeben, die sich ziemlich über den geplanten plötzlichen Wechsel aufgeregt hat. Jetzt bin ich überglücklich hier bleiben zu können, aber auch gleichzeitig traurig weil Max nächste Woche schon ins weit entfernte Tarabuco muss.

Donnerstag, 17. März 2011

Namen

Es gibt in Camiri viele traditionelle spanische Namen. Klangvolle Rufnamen wie Juan Miguel, Leonardo Gabriel oder Juan Diego könnte wohl in jeden durschnittlichen Film für einen Klischee-Latino herhalten. Dann gibt es aber doch noch Eltern, die ihren Kinder kreativere, lustiger oder schönere Namen geben. Hier ein paar Beispiele von meinen eigenen Schülern.

Berlin Ohne Worte. Hier kann man einfach mal die Hauptstadt als Vornamen haben. Es handelt sich übrigens um einen Mädchennamen. 
Camiri Ebenfalls Stadt- und Mädchennamen. Sehr süss, aber mein Kind würde ich trotzdem nicht Marburg nennen.
Darlin Alternative Schreibweise von Darling.
Elvis Der King lebt, nicht nur im Kühlregal.
Jhon Jamer Das witzige an diesem Namen ist eigentlich die Ausprache: John Hammer
Jhon Maicol Die bolivianische Schreibweise des eglischen Namens John Michael. Wird genau so ausgesprochen
Luz Emili Einfach nur süss sein Kind Luz (Licht) zu nennen. Es gibt einige Mädchen, die so heissen. 
Rider Renny Rojas Fast so gut wie Rambo Ramon Rainer.
Walter Klassisch, schlicht und irgendwie deutsch.
Yim Jael So würde man in Bolivien "Ginger Ale" schreiben.
Yunior Eloy Eigentlich das Naheliegenste seinen Sohn einfach nur Jr. zu taufen.

Dienstag, 15. März 2011

Musik: Reggaetón

Eine Suche nach den neusten Charthits aus Deutschland oder den USA würde in Bolivien wohl nicht von Erfolg gekrönt. Den hiesigen Musikgeschmack bildet ein skuriler Mix aus Klassikern, wie Modern Talking (kein Scherz!) und Scorpiens, den Hits aus dem letzten Sommer (We No Speak Americano, I Gotta Feeling etc.) und eben lateinamerikanischer Musik. Eines dieser Eigengewächse ist der Reggaeton.


In Deutschland ist der Reggaetón beinahe gar nicht bekannt. Einer der wenigen Hits, die es in die deutschen Charts geschafft haben ist "Gasolina" von Daddy Yankee


Typisch für Reggaetón ist der unverkennbare Rhythmus. Seinen Ursprung hat dieser Rhythmus im Lied "Dem Bow" von Shabba Ranks und wird deswegen auch selbst DemBow genannt. Und wirklich erkennt man ihn bei ausnahmslos jedem Reggaetón Song wieder.
Hier also der Prototyp:

Montag, 14. März 2011

Carnaval - Fiesta des Jahres

In Marburg besteht Karneval eigentlich nur aus dem Rosenmontagsumzug mit anschliessendem Gang ins Fun. Dazu etliche Alkoholleichen und ein paar Verrückte, die denken Marburg sei das Zentrum des deutschen Faschings.
Anders in Bolivien: Karneval ist hier das grösste Fest des Jahres. Weltberühmt sind dabei die Feierlichkeiten in Oruro. Dort soll die grösste Karnevalsfeier nach Rio de Janero in Brasilien stattfinden. Aber auch der einwöchige Karneval im kleinen Städtchen Camiri hatte einiges zu bieten.

Die Comparsas
Alle sauber und in gelb - Fregonazos vor der Feier
Ein bischen wie in den Bücher von J.K. Rowling, in denen jeder Zauberschüler einem der Häuser als Mitglied zugeteilt wird, ist auch Karneval in Camiri. Alle Feierwilligen, von den Kleinen bis zu ihren Grosseltern, treten sogenannten Comparsas, speziellen Karnevalclubs, bei. Jede Comparsa hat eine grobe Altersgruppe, eine eigene Farbe und ist natürlich die "beste Comparsa Camiris". An den Tagen von Karneval versuchen sich die Comparsas dann, ganz wie die Häuser in Hogwards, gegenseitig zu übertrefen.

Rey Momo
Gewinner und Publikumsliebling im Wettbewerb Verkleidung
Wettessen - Jede Comparsa ist vertreten
Rey Momo - Männer zeigen ihre weibliche Seite
Am Donnerstag fand die Wahl des Rey Momo im Stadion statt. Diese reine Spassveranstaltung ist eine Parodie auf die Wahl der Königin. Und so schickten alle Comparsas ihrer Vertreter ins Rennen, um in verschiedenen Wettbewerben die Kontrahenten zu übertrumpfen. Es gab Wettessen, Verkleidungswettbewerb und es traten als Frauen verkleidete Männer auf, um ihre Hintern zur neusten Musik zuschwenken und richtig die Sau rauszulassen. Die Gruppen versuchten sich gegenseitig mit Witz, Verkleidung und Effekten auszustechen. Gewonnen im Verkleidungswettbewerb hat Kung Fu Panda. Publikumsliebling aber war ein mit Lendenschurz bekleiderter, schwarz geschminkter Teilnehmer, der mit Pfeil und Bogen zu "In the jungle, the mighty jungle" tanzte. Ja, ein bischen rassistisch sind die Bolivianer schon. Sieger im Hauptwettbewerb war die Familie Feuerstein der Comparsa "Sarazos", die sich mit Pappmasché-Keulen der Extase hingaben.


La Reina
Am Tag darauf wurde die Königin gewählt. Jede Comparsa stellte eine Kandidatin auf und die jungen Frauen wurde Salsa tanzend und im Ballkleid von der Jury bewertet. Abgerundet wurde der ziemlich langweilige Abend mit einem Karaokewettbewerb, der aber an Eintönigkeit die Misswahl selbst übertraf. Diese ruhige Nacht war so etwas wie ein letztes Durchatmen vor der richtigen Feier.

La Salta
Carnaval ist farbenfroh
Samstag sollte die sogenannte Salta stattfinden. Und so machten wir uns ausgerüstet mit Wasserbomben, Wasserpistole und jeder Menge Farbe auf den Weg zur Plaza. Dort tobte ein kleiner Krieg zwischen den Kindern und irgendwie gerieten wir zwischen die Fronten, sodass wir von oben bis unten vollgeschmiert und durchnässt an der Ecke auf den Beginn des Corsos warteten.
Dann, natürlich mit bolivianischer Verspätung, war es endlich soweit. Comparsa für Comparsa fuhren die geschmückten Festwagen mitsamt Reina, umringt von ihren tanzenden Anhängern, eine Runde um die Plaza. Dieses Ritual nennt man Salta (von saltar - springen), weil eigentlich keiner tanzt sondern sich alle an den Händen fassen, herumspringen und in so einer Ketten um den Wagen rennen. Ich selbst bin bei "Fregonazo", der gelben Comparsa, "gesprungen".

3 dias de fiesta
¡Manos ariba! bei der Fiesta von Fregonazo
Die nächsten drei Tage war die ganze Stadt im Ausnahmezustand. Das normale Leben war zum Erliegen gekommen. Es gab kaum offene Geschäfte und an jeder Ecke wurde man mit Wasserbomben und Farbe angegriffen.
Jeden nachmittag wurden von den Comparsas eigene Feiern veranstaltet. Vor dem Gelände von Fregonazo stand ein Wasserwerfer der Feuerwehr und schoss hunderte Liter auf die gut gelaunte Menge, die sich gleichzeitig mit Farbe beschmierte. Es waren die besten Feiern, die ich in Bolivien erlebt habe.
Nachdem das letze Bier getrunken war, machte sich die Partygemeinde Tag für Tag auf den Weg zur Plaza. Dort wurden Autos mit grossen Boxen und lauter Musik vorgefahren, um noch bis tief in die Nacht den Karneval von Camiri zu celebrieren. Von diesen drei Tagen habe ich aber nur zwei durchgehalten. Es war, wie man hier so schön sagt, eine "Locura".

Aschermittwoch?
Das Leiden Jesu und die Fastenzeit scheinen in Camiri erst etwas später zu beginnen. Die Feierlichkeiten wurden offiziel am Sonntag mit dem "Carnevalito", dem kleinen Karneval, in Choretti, einem Dorf vor Camiri, beendet.
Karneval in Bolivien ist schon ziemlich durchgeknallt und es dauert lange, die ganze Farbe abzuwaschen. Nächstes mal gehts für mich nach Oruro.
Ich habe genug für dieses Jahr ;)

Donnerstag, 10. März 2011

Mosaico Boliviano

Max Steiner, Präsident und Gründer von HI Bolivia, wird ein neues Buch veröffentlichen. Es soll dem Leser Bolivien anhand vieler kleiner Geschichten wie ein Mosaik näher bringen. Das Buch ist seit drei Tagen erhältlich.

"Als Max Steiner und Judith Grümmer sich entschieden, dieses Buch herauszugeben, um in Alltagsgeschichten den Facettenreichtum Boliviens zu dokumentieren, hatten sie sich zum Ziel gesetzt, der Kraft zu vertrauen, die in leisen, hintergründigen, aber authentischen Zwischentönen ruht. Entstanden ist ein Mosaik aus bolivianischen Begegnungen und Momentaufnahmen jenseits der tagesaktuellen Schlagzeilen, gedacht auch für den geschärften Blick, abseits der Themen, die ein guter touristischer Reiseführer bieten kann."(www.mosaicoboliviano.com)

Die laaaaaaange Pause

Wollte mich nur einmal entschuldigen dafür, dass ich so lange kein Wörtchen von mir hören lassen habe. 
Wird jetzt wieder etwas mehr!

Ganz plötzlich: "¡Chau Camiri!"

Gerade hatte ich ein wildes und durchgeknalltes Karneval überstanden, da bekam ich heute nachmittag überraschend einen Anruf von Arturo Zamorano. Arturo ist für die Freiwilligenarbeit von Hostelling International in Bolivien verantwortlich und fragte am Telefon einfach nur, wann ich denn nach Sucre käme. Auf meine Nachfrage erklärte er, dass nächste Woche die neuen Freiwilligen kämen und für mich daher der erste Einsatzstellenwechsel anstünde. Ich war fassungslos. Bis vor einigen Augenblicken habe ich noch gedacht ich würde bis Ende April in Camiri bleiben, das ja jetzt schon fast seit einem halben Jahr mein zu Hause ist.
Jetzt heisst es also langsam Abschied nehmen von schönen Camiri und ab ins Ungewisse. Eine gute Woche bleibt noch um "Auf Wiedersehen" zu sagen. Welches meine nächste Einsatzstelle ist, soll aber noch eine Überraschung bleiben. Auf jeden Fall sicher ist aber, dass es ganz ganz anders wird...

(... und "chau" ist die bolivianische Schreibweise des italienischen "ciao")

Dienstag, 28. Dezember 2010

Auf Reise... Glück und Pech

Max präsentiert stolz den Truthahn
Nach der "deutsch-kolonialbolivianischen" Weihnachtsfeier mit allen Voluntarios und Chef Max im Hauptsitz von HI Bolivia in Sucre, sind wir direkt am ersten Weihnachtsfeiertag aufgebrochen. "Wir" sind ersteinmal Max und Marisa aus Camiri, dann noch Immanuel, Johnny und last but not least Judith, die uns noch bis Montevideo (Uruguay) begleiten wird. Die Zeit über Sylvester und Anfang Januar bietet sich perfekt zum Reisen an, da in den Schulen gerade Sommerferien sind (man erinnert sich: Südhalbkugel). Wann die Schule weitergeht, weiss übrigens noch keiner genau. Die Rektorin meinte nur "wahrscheinlich am ersten Februar, aber ruf mich lieber nochmal an". Wann dann wirklich der erste Unterrichtstag ist, wird noch per Radio und Fernsehn verbreitet. Ganz bolivianisch eben.

Mein Reisegepäck mit "ALEQ"-Mütze
Socken trocken auf den letzten Drücker
Ein wenig Pech für uns
Bolivianer sind Warten gewohnt
Die erste kleine Station unsere Reise sollte Villazón an der Grenze zu Argentinien werden. Eilig verliessen wir das wüste Zimmer, gingen zum Bus-Terminal und zeigten die Tickets vor, die ich zum Glück doch noch zwischen den Seiten meines Tagebuchs gefunden habe. Die Freude auf die bevorstehenden Reisetage war gross und guter Stimmung ging es Richtung Süden. Schon in der nächsten Nacht um vier Uhr sollten wir in der Grenzstadt ankommen. Doch irgendwann, ein wenig vor drei, blieb die Flotta (Überlandbus) stehen. Natürlich dachten wir erst, wir seien schon angekommen. Doch bei Sonnenaufgang wurde klar: Der Bus steckt im Schlamm fest. Die ungeteerte Strasse wurde von einem kleinem Fluss gekreutzt. Schnell wurde vom Flottapersonal ein kleiner Damm errichtet, um die Flut um den Bus herumzuleiten. Über vier Stunden mussten wir in der klirrenden Kälte warte, um die Achsen nicht noch mehr zubelasten - zum ersten mal seit 4 Monaten konnte ich meinen eigennen Atem kondensieren sehen. Nach unzähligen Versuchen und gemeinsamen Anschieben konnte wir die Flotta aus dem Schlamm befreien und erschöpft setzten wir die Fahrt fort.

ADAC? Die Technik hier ist unorthodox, aber erfolgreich
Glück für uns - viel Pech für die Anderen
Vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag hat Präsident Evo Morales, der mit seiner Partei MAS die Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament besitzt, die Innlandssubventionen auf Kraftstoffpreise abgeschafft. Offizielle Begründung ist die Angleichung der Preise an die Nachbarländer um unerlaubte Exporte zu unterbinden, aber auch um 400 Milionen US-Dollar jährlich einzusparen. Laut Regierung sollten Lebensmittelpreise um maximal sieben Prozent, Reise- und Transportkosten um maximal 23 Prozent steigen. Die Realität hingegen sieht anders aus. Seit gestern starten keine Flugzeuge mehr, es fahren keine Busse, Flotas oder Taxis mehr. Die meisten Läden haben geschlossen. Kurz: es ist alles zum Erliegen gekommen.
Also hatte unsere Gruppe noch sehr viel Glück, weil wir es noch rechtzeitig über die Grenze geschafft haben. Die übrigen Freiwilligen stecken alle irgendwo in Bolivien oder noch im Hostel in Sucre fest. Manche von ihnen erzwingen auch die Weiterreise mit überteuerten, seltenen Flottatickets um Sylvester nicht im Nirgendwo verbringen zu müssen.

Was noch kommt
Unsere Reise soll weiter nach Buenos Aires führen und von dort aus über Uruguay und Paraguay wieder zurück ins geliebte Bolivien, dass sich bis dahin hoffentlich wieder etwas beruhigt hat.


Sonntag, 19. Dezember 2010

Wieso Weihnachten ganz anders und Omi die Beste ist...

Links im Bild das bolivianische Nudelholz
Heute ist der 4. Advent - so sagt es der Kalender. Und schon diesen Freitag soll Heilig Abend sein. ich kann diese Fakten zwar unmöglich abzustreiten, aber für mich muss ich sagen, es fühlt sich einfach nicht wie Weihnachten an. Die typische deutsche Weihnachtsstimmung scheint sich nicht jeden Dezember aufs Neue in den Menschen selbst zu entfachen. Wir sind nicht wie die Zugvögel, die jedes Jahr pünktlich Richtung Süden aufbrechen. Einen innere Uhr, einen "Weihnachtswecker" trage ich nicht in mir. Es fehlen ganz einfach einige Dinge, die im typischen Deutschen von einer Sekunde auf die Nächste die friedlichsten, weihnachtlichsten Gefühle wecken. Dabei ist insbesondere an Advendskalender, Weihnachtsmärkte, Advendskränze, Spekulazius! Kälte und Schnee zu denken. Und natürlich an die liebevoll gebacken Plätzchen von Omi.
Unsere Butterplätzchen
Um unserem europäischen Weihnachten etwas gerecht zu werden, haben wir letzte Woche einen ganzen Tag in der Küche verbracht und im fast industriellen Stil einer Weihnachtsbäckerei Teig geknetet, ausgestochen und im Gasofen gebacken. Neben Klassikern wie Vanillekipferl und Zimtsternen wollte ich unbedingt meine Lieblingsplätzchen von Omi backen. Also habe ich mich morgens vor dem Sprachkurs geschwindt bei Skype eingeloggt und mir das Rezept für Londoner Stangen geben lassen. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt schon fast sicher, das sie nicht so schmecken würden wie von Omi. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Immanuel bei der Qualitätsprüfung des Teigs
Wie bei so vielen Dingen in Bolivien mussten wir auch in der Küche improvisieren. Gemahlene Mandel zum Beispiel gibt es hier nirgendwo zu bekommen. Also habe ich einfach ganze Mandeln mit einem ganz normalen Mixer zerkleinert - die Klingen werden sich bedanken. Vielleicht hatte der Mangel an deutschem Equipement eine Mitschuld an der Tatsache, dass Eva und ich wirklich den gesamten Tag, bis in die Nacht hinein, in der Küche standen. Zum Glück waren wie nicht ganz alleine weil alle Stunde andere Voluntarios vorbei kamen, um den rohen Teig zu probiern oder selbst Plätzchen auszustechen und zu verzieren.
Londoner Stangen a la boliviana
Aber kehren wir zurück zu Omis Lononder Stangen. Ich mache es ganz kurz: Sie sind leider nicht ganz gelungen. Der Boden und die knusprige Schicht obendrauf könnte zwar "Made by Marlene" sein, aber für die saftige Schicht dazwischen habe ich zu wenig Marmelade genommen. Resultat sind etwas trockene Zuckerbomben, bei deren Anblick sowohl Ernährungsberater als auch Estätiker in Ohnmacht fallen würden.
Omi kann's einfach immer noch am Besten!

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Wie es Don Tani geht...

Ich bin zwar schon ein Weilchen in Sucre, möchte euch aber trotzdem noch ein paar Infos zu Don Tani nachreichen. Mein "Onkel" hatte in Camiri vor eineinhalb Monaten einen Arbeitsunfall, bei dem seine Hand in die Maschine geraten ist. Und was macht er jetzt? Vermutlich steht er gerade auf dem Feld, seine Baseballkappe gegen die Sonne tief ins Gesicht gezogen und seine verletzte Hand in seiner unverwechselbaren Tasche hängend. Dabei gibt er wahrscheinlich den Jungs aus dem Kinderheim wild gestikulierend Anweisungen - man kann ihn ja mit dem ganzen Koka in der Backe schwer verstehen. Dann, weil er einfach nicht geboren wurde um Arbeitsschritte zu erklären, führt er die wenige Griffe mit seiner gesunden Hand in gewohnt hektischer, aber routinierter Art selbst aus.
Juan Pablo jätet Unkraut - Don Tani koordiniert
Wie man vielleicht erahnt, hatte Don Tani noch Glück im Unglück. Er durfte zu erst einmal seinen Job behalten. Dann hat Madre Gracia, die Leiterin des Kinderheims, auch noch seine Operationen bezahlt: allerdings nicht in Santa Cruz, der Hauptstadt des Departamentos, sondern nur im lokalen Krankenhaus. Von den Ärzten wurden Don Tani zwei Monate Arbeitspause verordnet. Doch schon eine Woche später ist er mit den Worten "Zuhause ist es langweilig" wieder auf der Granja aufgetaucht. Es können sich eben nicht viele Bolivianer Hobbies im europäischen Stil leisten. Also steht er nun wieder jeden Tag auf der Farm bereit, fast wie früher. Nur zwei Dinge haben sich verändert: Er trägt seine linke Hand pflichtbewusst in der Tasche, um sie vor der Sonne zu schützen und versteckt unter der grünen Baseballkappe seinen neuen Haarschnitt. Die zweimonatige Alkoholabstinenz scheint ihn als echten Bolivianer härter zu treffen.

Sonntag, 28. November 2010

Auf einmal ganz anders...

Die letzten zwei Monate habe ich durchgehend in Camiri verbracht. Jetzt sind meine Tage dort vorerst gezählt, denn gestern gings mit der Flotta (Überlandbus), gemeinsam mit Max, nach Sucre. Hier sollen wir den zweiwöchigen Sprachkurs nachholen und im Anschluss bis Weihnachten am obligatorischen Zwischenseminar teilnehmen. Vor der Fahrt habe ich mich total auf Sucre gefreut. Endlich würde ich all die anderen Freiwilligen wieder sehen, wissen wie es ihnen so ergangen ist und mal wieder mir der ganzen Gruppe zusammenzusein.
Ich war zwar schon zum Vorbereitungsseminar in Sucre und kenne die Stadt deswegen schon ein bischen. Aber als wir mit der Flotta in die konstitutionelle Hauptstadt ankamen, war ich total überrascht: Es ist einfach so anders als Camiri! Es gibt haufenweise mehrstöckige Häuser. Ein riesen Verkehrsaufkommen. Die Stadt ist laut und gross. Es ist kalt, keine 40 Grad mehr. Ich musste nach dem Frühstück und nach dem Abendessen sogar nochmal kurz ins Bett, weil es draussen einfach so ungemütlich war. Was eine Umstellung: vom ruhigen Camiri ins grosse Sucre!
Abends bin ich dann mit Sarah, einer Freiwilligen aus Sucre selbst, weggegangen. Zuerst waren wir auf einer kleinen Geburtstagsfeier bei einem jungen Musiker und Anwalt. Aus Camiri kannte ich von Fiestas nur die Standardauswahl der 20 besten Cumbia-Songs. Gestern auf der Party lief zwar auch ein wenig Cumbia, aber vor allem andere typische bolivianische Musik, viel andiner geprägt. Alle haben dazu getanzt - ich habs versucht - und der Gastgeber Alex hat zwischendurch mit seinen Freunden, mit Gitarre und Geige, Lieder zum Besten gegeben. Der Gesang kam aus kräftigen Kehlen, die Gäste klatschten und tanzten und es entstannd einfach eine Wahnsinnsatmosphäre, die ich einfach nur aufgesogen habe. Es war ganz anders als man soetwas aus Deutschland kennt, aber auch anders als Camiri. Ich habe mich gefühlt, als sei ich erneut in eine andere Kultur entführt worden...
Als die Fiesta sich langsam dem Ende neigte sind Sarah und ich in einen Club weiterfeiern gefahren. Natürlich mit Taxi, die Wege sind hier eben weiter. Dort angekommen war ich wieder total von den Socken. Ich war plötzlich nicht mehr in Bolivien. In der Disco war "Jägermeisternacht". Überall hingen orangene Jägermeisterflaggen. Es liefen Models mit orangenen Perrücken herum. Die Musik war westlich: das volle Programm, wie man es aus letztem Sommer in Deutschland kennt - inklusive "Atzen" und Black Eyed Peas. Und auch das Publikum war überwiegen weiss, viele Touristen. Ich dachte einfach nur "Das kann doch nicht Bolivien sein, wie ich es kennengelernt habe". Es kam mir vor, als hätte man mich zurück nach Europa gebeemt.
Nach dem Feiern habe ich noch mit Sarah im Hostelgarten gechillt und diskutiert. Irgendwann hat sie dann von einem Kinderheim in Sucre erzählt. Ich konnte einfach nicht glauben, was sie mir schilderte. Einfach nur unmenschliche Verhältnisse. Ich war total sprachlos. Das war der dritte und wirklich grösste Schock an diesem Tag.
Irgendwann habe ich mich dann mit den Worten "Lass uns morgen nochmal drüber reden" ins Bett verabschiedet. Ein echt krasser Tag ging zu Ende.

Donnerstag, 25. November 2010

In die Hände spucken...

"In die Hände spucken" kannte ich bisher nur als Synonym für "arbeiten". Nach meinem ersten Arbeitstag mit Don Pancho wusste dann auch wieso: Bevor man Schaufel oder Spitzhacke anfasst, wird einmal kräftig in die Hände gespuckt. Das hilft Blasen zu vermeiden. Und ich kann nur sagen, es hilft wirklich!
Wenn man dann aber doch eine leckere Blase bekommt, hat Don Panche auch schon einen anderen Tip parat: In die Hände pinkeln, einreiben, 15 Mintuen einwirken lassen und dann mit Seife abwaschen. Das klingt für euch wahrscheinlich alles mega eklig, ist hier aber ganz normal. Lehrmeiser Pancho hat sogar erzählt, dass er einmal bei der Arbeit eine kleine Verletzung am Auge hatte, die blutete. Daraufhin hat er sich dann Urin draufgegeben, was auch geholfen haben soll.
Auch sonst weiss man sich hier mit dem zu helfen, was man gerade zur Hand hat. Wenn ich zum Beispiel mal Magenprobleme habe, gehe ich in den Garten und pflücke ein paar Blätter, um einen Tee zu machen. Dieser Aufguss aus "Poleo" und "Paíco" schmeckt richtig lecker und wirkt Wunder.
Vor ein paar Tage wurde unsre Hündin Maja vom Nachbarshund gebissen, hatte eine Fleischwunde und humpelt noch ein bischen. Gestern, als wir abends noch an unserer Lieblingstienda waren, wurde uns geraten, ein paar Haare vom Nachbarshund abzuschneiden, zu verbrennen und Maja auf die Wunde zu geben.
Medizin ist hier also noch viel traditioneller, als ich es aus Deutschland kenne. Viele sind mit gutem Grund der Meinung, die Natur gebe uns alles, was wir brauchen. Diese Einstellung mit ein bischen Tradition und einer Prise Aberglauben kuriert alle Leiden. Aber ich möchte hier keine falsches, einseitiges Bild schaffen. In der Stadt gibt es viele Apotheke, im Fernsehen läuft Werbung der grossen Pharmekonzerne und im Krankenhaus schwört man natürlich auch auf "konventionelle Medizin". Letztendlich ist es auch hier von Mensch zu Mensch verschieden. Aber mal ehrlich, welcher Deutsche würde sich noch einfach auf die frische Wunde pinkeln, statt mit seiner Krankenversicherungskarte in der Hand hastig den Arzt aufzusuchen?

Sonntag, 21. November 2010

Drei Dinge

Letzte Woche hab ich mir ein ein neues T-Shirt gekauft.
Gestern hab ich mir dir Haare geschnitten.
Heute hab ich Wäsche gewaschen.



...und übermorgen hol ich mir der König ihr Kind.

Ein Jahr im Ausland?

Ihr wisst noch nicht, was ihr nach dem Abi machen sollt. Habt keine Bock auf Bund oder wollt einfach so ein Soziales Jahr machen? Ihr wollt eine andere Sprache lernen oder Lebenserfahrung in einem anderen Land sammeln? Mal rauskommen? Etwas den Menschen geben, die es nicht so gut hatten, wie ihr die letzten 18 Jahre. Eine andere Kultur kennenlernen? Über eure eigene nachdenken? Das und viel mehr könnten Gründe fur ein "FSJ im Ausland" sein. Ich kann es euch nach den ersten zwei Monaten nur wärmstens empfehlen: Macht es einfach! Jetzt ist die optimale Zeit dafür.

ABER ich habe gar nicht das Geld für ein Auslandsjahr!
Dann bewirb dich beim DED. Dor muss man wirklich keinen Cent selbst aufbringen. Und guck dir auch mal die anderen Entsendeorganisationen an. Vielleicht sind die erwarteten Spendenbeträge gar nicht so hoch wie du dachtest. Kindergeld wird übrigens während des gesamten Jahres weitergezahlt.

ABER ich kann die Sprach meines Wunschlandes gar nicht.
Natürlich hat man einen leichteren Start, wenn man die Sprache schon etwas beherscht. Aber nicht alle Organisationen haben diese Erwartung an den Bewerber. In vielen Fällen reicht auch schon ein Ferienkurs an der VHS. Auch hier lohn sich ein zweiter Blick. Ausserdem ist immer nur von europäischen Verkehrssprachen die Rede. Keiner verlangy Kenntnisse in Kreolisch, Afrikaans oder Khmer.

ABER ich habe keine besondere Talente, auch keine Ausbildung.
Also ersteinmal hat jeder Mensch irgendwelche Talente. Vielleicht ist ein Auslandsjahr ja die beste Gelegenheit sie zu entdecken. Und Ausbildung? Woher denn auch? Du kommst ja schliesslich gerade vom Gymnasium. Ausserdem kann man, so meine Erfahrung, mit wenig schon sehr viel verbessern, wo es den Menschen nicht so gut geht.
Generell gilt: Weltwärts und verglichbare Programme sind keine professionelle Entwicklungshilfe. Es werden junge Menschen und Laien entsendet.

ABER es ist schon viel zu spät für eine Bewerbung.
In der Tat wird einem oft gesagt, man solle bereits ein Jahr vorher mit den Bewerbungen beginnen. Und es stimmt, viele Bewerbungsfristen sind schon seit September ausgelaufen. Aber keine Panik, wenn ihr euch erst jezt entschieden habt: Ich habe mich auch nicht früher drumgekümmert. Oft werden Fristen nachträglich auch noch einmal nach hinten verschoben.
Ich will euch hier einmal die Möglichkeiten vorstellen, die ihr habt:

Weltwärts
Weltwärts ist keine Entsendeorganisation, sonder ein Programm des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Anerkannte Entsendeorganisationen können dort Weltwärtsplätze beantragen. Diese werden dann zu 75 prozent vom Bund finanziert. Der Restbetrag muss dann meistens von den Freiwilligen in Form von gesammelten Spenden aufgebracht werden. Der Einsatz selbst dauert zwölf Monate, kann aber auf Wunsch verlängert werden. Weltwärts richtet sich an Mädchen und Ausgemusterte, sowie an Jungs, die ihre Zivildienstpflicht abgelten wollen.
Weltwaerts.de ist eure zentrale Aunlaufstellen. Dort sind alle Entsendeorganisationen aufgelistet. Ausserdem kann man geziehlt nach Stellen in bestimmten Ländern oder auf Kontinenten suchen.

DED
Der DED hat es sich zum Ziel gesetzt möglichst viele Freiwillige zu entsenden. Die Vorteile des DEDs sind klar: Der DED
  • entsendet in die ganze Welt. Man muss bei der Bewerbung noch nicht wissen, wo man genau hin will, hat nacher aber alle Möglichkeiten.
  • ist staatlich. Es werden die gesamten Kosten gedeckt. Man muss keine Spenden sammeln.
  • nimmt die meisten Bewerber an.
 Aufgrund der grossen Zahl Freiwilliger bleibt die individuelle Betreuung unter Umständen vielleicht etwas auf der Strecke. Weil er die meisten Bewerber annimmt, hat der DED eine hohe Abbrecherquote.
Mein Tipp wäre, sich auf jeden Fall auch beim DED zu bewerben. Auch wenn er nicht aure erste Wahl ist, habt ihr so immer noch eine Tür offen, falls die anderen Bewerbungen abgelehnt werden. Für die Online-Bewerbung braucht ihr einen Reisepass. Wenn ihr noch spezielle Fragen zum DED habt, meldet euch vielleicht mal bei Lucas Ullrich, der ist grade für ihn im Einsatz.

Volunta
Volunta, meine Entsendeorganisation, untersteht dem DRK in Hessen. Sie bietet zwei Programme an:


  • "FSJ bzw. FÖJ statt Zivildienst":
Dieses Programm richtet sich an Kriegsdienstverweigerer. Damit könnt ihr nach Bolivien, Nicaragua oder Rumänien. Allerdings gab es eine Kostenexplosion, da der Staat nach der Wehr- und Zivildienstreform kaum etwas dazu bezahlt, mit weltfährst fährt man aber kostengünstiger. Volunta will aber an diesem Punkt arbeiten. Das Angebot ist im Umbau, aber vielleicht tut sich ja noch rechtzeitig etwas.
Die Organisation von Volunta in Deutschland, war eher schlecht, dafür ist der Partner in Bolivien, HI-Bolivia, unübertroffen.
 Volunta hat euch Weltwärts-Stellen, die aber nur an Mädchen und Ausgemusterte vergeben werden. Durch die Bezuschussung des Bundes muss man viel weniger Spenden sammeln und die Flugkosten werden übernehmen. Ausserdem gibt es ein paar mehr Einsatzländer.

    Donnerstag, 18. November 2010

    Pilfrut

    Pilfrut!
    Pilfrut ist echt das Geilste! Man kommt hier aber auch einfach nicht drum herum. Es wird an jeder Tienda für 50 centavos verkauft, überall steht "Hay Pilfrut" und oft sieht man auf der Strasse Kinder mit dem fruchtigen Getränk. Und wer es einmal probiert hat, will es jeden Tag wieder.
    Die wunderbare Plastikverpackung ist mit einer Mischung aus Wasser, Joghurt und Fruchtgeschmack gefüllt. Wer sie aber einfach öffnete und den Inhalt aus einem Glas süffelte, würde wahrscheinlich umgehend vom Pil-Gott bestraft. Um Pilfrut richtig zu geniessen, muss man eine kleine Ecke abbeissen und den Saft langsam herraussaugen. Wieso bitte gibt es sowas tolles nicht in Deutschland?
    Mit Lieblingssorte Durazno im Garten...

    Mittwoch, 17. November 2010

    Zwei Monate Bolivien!

    Ein Blick auf den Kalender nötigt mich geradezu einen neuen Blogeintrag zu veröffentlichen. Aber eigentlich weiss ich gar nicht, wie ich diesen Post beginnen soll. Wie wärs denn mit "Wow! Jetzt bin ich schon seit zwei Monaten in einem fremden Land."? Oder doch besser "Huch?! Ich bin erst zwei Monate hier?"

    Wow! Ich bin jetzt schon zwei Monate in einem fremden Land.
    Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. Diese Abschiedsstimmung, diese Vorfreude aber auch der bevorstehende Schritt ins Ungewisse. Diese Erinnerungen sind einfach noch sehr lebendig. Wenn ich Stündchen oder Nachmittage in Deutschland zurückdenke, kommt es mir vor, als sei es erst letzte Woche gewesen. Und zwei Monate ist doch auch eine kurze Zeit, oder? Naja zumindest, wenn man sie mit meinen bisherigen 19 Lebensjahren vergleicht.


    Schon alltäglich: Koka kauen
    Huch?! Ich bin erst zwei Monate hier?
    Als ich noch ganz frisch hier in Bolivien war, wurde mir genau das auch ständig bewusst. Ich war in einer fremden Kultur gelandet. Mein Tag war von 1000 neuen Dingen, die ich entdeckte, und ein klein bischen Orientierungslosigkeit geprägt. Und jetzt? Die rasante Achterbahn, in der ich sass, hat sich verlangsamt und in einen Regionalzug verwandelt, der stetig Berge und Täler auf seiner interessanten Fahrt durchquert. Ja, ich bin inrgendwie im Alltag angekommen. Es schein alles schon vertraut. Mit einer lässigen Handbewegung winke ich Taxis und Busse heran. Ich laufe durch die Strassen und wünsche "¡Buenos Dias!", als hätte ich noch nie etwas anderes gemacht. Auf dem Mercado weiss ich genau, wo ich welche Sachen kaufe. Wenn ich nicht abgeholt werde, bleibe ich gelassen ("Der kommt schon noch gleich..."). In meiner Stamm-Tienda (Lädchen) werde ich mit Namen begrüsst. Wenn irgendwo in der Strasse eine Fiesta mit lauter Musik ist, denke ich "Aha." und nicht "Was fällt euch ein ihr ********, es ist mitten in der Nacht und unter der Woche." Sogar wenn Kinder auf der Strasse mit aufgeblasenen Plastiktüten vor ärmlichen Hütten spielen, kommt mir das manchmal schon irgendwie vertraut vor.
    Nur wenn ich dann aber mal auf Facebook vorbeisurfe, werde ich für einen Moment aus meiner bolivianischen Welt herausgerissen und merke, dass sich die Welt auf der anderen des Globus genauso weiterdreht und auch dort schon wieder viel passiert ist.

    Und wie waren diese ersten zwei Monate jetzt?
    Echt genial. Ich habe das Gefühl, echt etwas sinvolles zu machen und schon viel gelernt zu haben, auf keinen Fall nur Spanisch. Es war aber auch kein reinens Freudenfeuerwerk, sondern es gab, vor allem in der Schule, ein paar kleine Rückschläge. Aber unterm Strich bin ich sehr glücklich hier, bin zufrieden mit den Projekten und habe schon richtig Bock nach der Weihnachtspause weiterzumachen.

    Was steht mir bevor?
    Motivationskurve

    Diese Frage will ich eigentlich gar nicht direkt beantworten, weil vor allem in Bolivien viel unvorhersehbares passieren kann. Ich möchte euch einfach nur die durchschnittliche Motivationskurve zeigen, die man in einem Auslandsjahr durchmacht (Sry, musste ich mit Paint machen). Da kommt nach einiger Zeit ein Angst einflössendes Tief. Aber irgendwie glaube ich gerad, ob aus Optimismus, Verblendung der auch Navität, überhaupt nicht daran eines Tages in dieses "Loch" zu fallen.

    Ich finde es übrigens richtig schön, und das will ich zum Schluss noch loswerden, dass ihr durch Bloglesen, bei Facebook oder Skype, an meinem Jahr teilhabt und ich auch soweit möglich an eurem teilhaben kann. Diese Konstante ist mir wirklich unglaublich wichtig.


    Mittwoch, 10. November 2010

    Superman und seine Frau

    Don Pancho (sprich "Pantscho"):
    Don Pancho ist der Hostelvater hier in Camiri. Das heisst er übernimmt auch die Organisation der Freiwilligenarbeit in der Stadt. Aber eigentlich muss man ihn einfach nur mit dem Wort Superman beschreiben: Don Pancho kann alles. Don Pancho weiss alles. Und sowieso sprechen alle Anzeichen dafür, dass er vom Planeten Krypton stammt. Machen wir also den Superheldentest:
    Ewige Jugend? Für Don Pancho kein Problem. Er ist Ende fünfzig, sieht aber aus wie vierzig und ist fit wie ein junges Reh.
    Muskeln aus Stahl? Selbstverständlich. Er hat mehr Kraft als wir drei Freiwilligen zusammen.
    Röntgenblick? Über diese Fähigkeit verfügt er wahrscheinlich nicht, aber durch seine Erfahrung und sein Wissen scheint es manchmal so. ("Die Katze wird sieben Junge bekommen.")
    Heilende Kräfte? Auf jeden Fall! Oft verschwindet er mit der Machete um die Ecke, kommt mit Heipflanzen wieder und erklärt deren Wirkung. Und überhaupt kennt er auch sonst jedes Tier und jeden Strauch. Medizin wird von ihm übrigens vorm Einnehmen gesegnet.
    Beherschung von Materie? Vorhanden. Unter seinem starken Blick biegen sich Duschrohre wieder gerade, reparieren sich Liegestühle und verformt sich die Erde nach seinem Willen beim Buddeln.
    Unsichtbarkeit? Wahrscheinlich hat er auch noch diese Superkraft. Es liegt nur einfach in der Natur der Fähigkeit selbst, dass sie schwer zu beobachten ist.
    Bleibt abschliessend nur noch die Frage: Was kann Don Pancho eigentlich nicht? Wahrscheinlich mit seinen Superkräften angeben, denn er bleibt bescheiden und ist ein absolut sympathischer Superman.
    Don Pancho vertreibt mit seinem Hund Niño die fremden Kühe

    Ely mit Adoptivtocher Reina
    Doña Ely:
    Ely kommt in diesem Blogeintrag wahrscheinlich viel zu kurz. Sie ist Don Panchos Frau und die Köchin von uns Freiwilligen, aber eigentlich fühlt sie sich viel mehr wie unsere Mutter.
    Wenn ich krank bin, bringt sie Tee ans Bett. Wenn wir Probleme haben, hilft sie uns. Wenn Marisa traurig ist, tröstet sie. Wenn sie sich Obst kauft, gibt sie uns etwas ab und wenn wir nicht aufräumen, beschwert sie sich zu Recht.
    Aber überhaupt kommt sie und in vielen Dingen entgegen. Deswegen versuchen wir auch sie unter stützen, wo wir könnnen.
    "Unsere" Ely kocht jeden Tag zwei mal richtig leckere, warme Mahlzeiten. Wenn sie dann ein Päuschen macht, sieht sie meistens fern. Am liebsten Wrestling, Telenovelas oder Filme mit Steaven Seagal.

    Montag, 8. November 2010

    Arbeitsunfall :(

    Mein "Onkel": Don Tani
    Heute morgen sollte ich von wie so oft von Miguel und Don Tani zur Arbeit auf der Farm des Kinderheims abgeholt werden. Normalerweise kommen sie so zwischen sieben und acht Uhr vorbei. Nicht so aber heute, Miguel hatte Verspätung. Am Telefon hab ich auch nicht ganz verstanden was los war, aber um halb zehn kam er dann endlich mich abholen.
    Als wir auf der Farm angekommen sind, erzählte er mir, was passiert war. Don Tani, mein "Onkel"/"Tio", hatte sich am Sonntag auf der Farm. Als er, wie fast jeden Tag, das Zuckerrohr zerkleinern wollte, ist er mit der Hand in die Maschine gekommen. Seine Finger wurden total zerkwetscht und jetzt liegt der Arme im Krankenhaus. Ich konnte die Nachricht erst gar nicht fassen und dachte einfach nur abwechselnd "krass" und "scheisse". Als ich dann runter zur Maschine gegangen bin, sah ich auf dem Boden überall eingetrocknete Bluttropfen und den zerfetzten Handschuh. Das schlimmste war dann noch, dass wir wieder neues Zuckerrohr für die Kühe ernten und zur Maschine tragen mussten. War echt ein komisches Gefühl.
    Don Tani bei der Arbeit an der Maschine
    Wie es für Don Tani weitergehen wird, ist irgendwie auch noch ungewiss. Keine Ahnung, wie lang er noch im Krankenhaus bleiben muss, bis er wieder arbeiten kann.... Zuhause hat der gute Mann fünf Töchter.